Der Mann hieß Jäger und war wohl auch einer. Er sollte Jagd machen auf das, was man in der DDR subversive Elemente nannte: Regimekritiker, Ausreisewillige, Grenzverletzer. Harald Jäger war systemtreu und erfolgreich und brachte es zum Oberstleutnant der DDR-Staatssicherheit. Er leitete am 9. November 1989 den Abschnitt der Passkontrolleinheit (PKE) an der deutsch-deutschen Mauer in Berlin, wo am Abend der Grenzübergang für die andrängenden Massen geöffnet wurde. Rund 17 Jahre später hat der Publizist Gerhard Haase-Hindenberg ein Buch vorgelegt, das beschreibt, wie Jäger damals – an der Bornholmer Straße zwischen Berlin-Pankow beziehungsweise Prenzlauer Berg (Ost) und Berlin-Wedding (West) – allein die Öffnung der Mauer verfügte.
«Der Mann, der die Mauer öffnete», lautet der Titel des Buches, in dem der Autor den riskanten Versuch unternimmt, einen Menschen zu porträtieren, der in den Augen vieler seiner Landsleute schlicht eine Hassfigur war. Die DDR-Offiziellen an der Berliner Mauer, der vermeintlich bestbewachten Grenze der Welt, hatten sich in den Jahren an der Nahtstelle zwischen Ost und West einen einschlägigen Ruf erarbeitet. Nirgendwo sonst wurde so formal, so schroff, so unbarmherzig, so konsequent gehandelt wie dort. Jäger war, wie er bekannte, nur ein Rädchen im System, aber es lief ohne Widerstand. Ein Mann, der keine Zweifel kannte, der mit Stolz und Überzeugung einer Diktatur diente, die an der Grenze auf Flüchtlinge schießen ließ.
Der diensthabende Oberstleutnant war ratlos an diesem Abend, an dem in Berlin Weltgeschichte geschrieben wurde – und er hatte Angst. Angst vor einer unkontrollierbaren Massenbewegung seiner Landsleute, die seit Stunden vor der DDR-Grenzübergangsstelle (GÜST) standen und auf eine Spontanausreise in den Westen hofften. Und Angst vor den dann womöglich folgenden Befehlen. Panik befürchtete er und Tote.
Politbüro-Mitglied Günter Schabowski hatte am frühen Abend auf einer Pressekonferenz in Berlin eine neue, liberale Reiseregelung verkündet und auf Nachfrage eines Journalisten irritiert gestammelt: «Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort … unverzüglich». Jäger musste dann «an der Front» gerade stehen für das, was sich aus dem dahingestotterten Satz Schabowskis ergab.
Das Buch liefert zwar keine grundlegend neuen Erkenntnisse über die Abläufe dieses legendären 9. November 1989. Die Stunden zwischen der Schabowski-Pressekonferenz und der Massenausreise von DDR-Bürgern über die Grenze in den Westen wird gleichwohl spannend aufbereitet und neu erzählt aus der Sicht eines Mannes, der es stets als seine Aufgabe ansah, den «antifaschistischen Schutzwall» gegen Feinde zu verteidigen.
Jägers Vorgesetzte waren an dem Abend am Telefon kurz angebunden und unverbindlich. Eindeutige Befehle, wie er sich angesichts der andrängenden Masse zu verhalten habe, blieben aus. Der Schichtleiter machte schließlich auf eigene Faust das, was er für unausweichlich hielt: Er ließ die Schlagbäume hochnehmen. Jäger rief dazu seinen Zugführer zu sich und befahl, sämtliche Passkontrollutensilien in den Safe zu legen. Und setzte dann mit Blick auf seine Kollegen hinzu: «Und dann sollen sie die Passkontrollen einstellen.»
Der Stasi-Offizier entwirft im Rückblick ein Bild vom Chaos, in dem einer dem anderen die Verantwortung übertragen will. Jäger, der Frontmann, steht an einer Grenze, die nicht mehr zu halten ist. Er ahnt, dass dies auch das Ende der DDR ist. Die Masse der grölenden Menschen nimmt er wahr wie im Film. Erleichtert registriert Jäger, dass wildfremde Menschen sich umarmen, dass auch Grenzer spontan umarmt werden. Die Stimmung ist ausgelassen, nicht militant. Jäger weiß, es ist nichts mehr zu retten von der alten Welt, aber es wird auch kein Blut fließen an diesem deutsch-deutschen Abend – nur Sekt.
(Gerhard Haase-Hindenberg: Der Mann, der die Mauer öffnete; Heyne Verlag München 2007; ISBN 978-3-453-12713-5; 252 Seiten; 18,95 Euro)
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