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2011 will sie in den NationalratGravatar


Veröffentlicht in Archiv,IMO&Test von Sandra-Lia am Montag 10 Dezember 2007 at 16:16


Bei den letzten Kantonsratswahlen konnte Sandra-Lia Infanger nicht als Frau antreten, weil sie amtlich immer noch ein Mann war. Dieses Problem ist jetzt gelöst. Zurück aus Berlin will sie in Kürze eine Partei gründen.

Frau Infanger, im Sommer 2005 haben Sie die Schweiz verlassen und sind nach Berlin gezogen. Warum?

Nachdem der Kanton Solothurn mich als Frau von der Kantonsratswahl ausgeschlossen hatte, war ich enttäuscht und traurig. Ich suchte in Berlin eine neue Herausforderung. Ich muss aber anfügen, dass ich nicht permanent in Berlin war, sondern auch hin und wieder in der Schweiz. Ich brauchte Abstand von allem, nachdem ich die Geschlechtsumwandlung hatte vornehmen lassen.

Jetzt haben Sie wieder festen Wohnsitz in Bellach genommen. In einem Interview mit Telebärn haben Sie gesagt, Sie wollen die hiesige Politszene aufmischen und eine Partei gründen.

Ja, die Partei soll «Die Linke Schweiz» heissen. Ich habe vor, in Bellach 2009 zu den Gemeinderatswahlen anzutreten, im gleichen Jahr auch zu den Kantonsratswahlen. Und 2011 möchte ich mich in den Nationalrat wählen lassen.

Das wird nicht ganz einfach sein.

Träumen darf man ja, oder? Ich bin realistisch und werde es wohl nicht schon beim ersten Mal schaffen. Aber wenn die Wähler eine gradlinige Person wollen, dann bin ich die richtige.

Warum versuchen Sie Ihr Glück nicht in einer der herkömmlichen linken Parteien?

Es ist nicht so, dass ich eine Partei gründen will. Ich muss. Für die Jusos bin ich zu alt. Die SP ist mir zu elitär, ich bin auch gegen einen EU-Beitritt. Ich kenne auch kein Pardon gegenüber straffälligen Ausländern. Solche Leute müssen des Landes verwiesen werden. Und wenn ein Ausländer Schweizer werden will, dann muss er eine der Landessprachen beherrschen und sich gefälligst den Gebräuchen unseres Landes anpassen.

Das ist ja reinste SVP.

Nur hat die SVP keine Antworten. Und die anderen Parteien haben diese Probleme schlicht verschlafen. Die SP verharmlost nur. Ich will Politik für die kleinen Leute machen. Sozialpolitik müssen diejenigen machen, die es betrifft. Also jemand, der Sozialhilfe oder eine IV-Rente erhält.

Gehören Sie zu diesen Leuten?

Ich bin seit zehn Jahren als selbstständige Fotografin tätig. Ich biete auch Computersupport an. Und eben erst habe ich ein Fotobuch mit dem Titel «Taris Impressionen» herausgegeben. Tari Eledhwen ist so etwas wie mein Künstlername. Tari Eledhwen ist im Buch «Herr der Ringe» eine Elfenkönigin. Was die IV betrifft: Ja, ich beziehe eine Rente. Fakt aber ist, dass ich als IV-Rentnerin bestraft werde, wenn ich zu viel arbeite.

Haben Sie keinen Beruf gelernt?

Nein, ich kriegte keine Lehrstelle. Und glauben Sie mir, ich habe mehr als eine Bewerbung geschrieben.

Wie muss man sich Transsexualität vorstellen? Wie haben Sie sich vor der Umwandlung gefühlt?

Ich habe mich immer als Frau gefühlt. Seit ich denken kann. Es ist schwierig zu erklären. Man spürt ja keinen körperlichen Schmerz. Man merkt es nur seelisch. Ich habe mich im Spiegel betrachtet und mich immer gefragt, wer mir da entgegen schaut.

Jetzt Sie haben Brüste, runde Hüften wie eine Frau…

Ich bin eine Frau!

Entschuldigen Sie. Das heisst also, Sie haben jetzt eine künstliche Vagina?

Künstlich ist übertrieben. Man hat sie aus dem geformt, was da unten übrig geblieben ist. Und wenn Sie es wissen wollen: Ich kann einen Orgasmus verspüren. Grundsätzlich bin ich jetzt wie eine Frau nach der Menopause. Ich habe keine Eierstöcke, die Hormone produzieren würden. Was die Hirnrinde produziert, ist vernachlässigbar. Ich muss den Rest meines Lebens Hormone nehmen. Bei der Operation wurden mir ja die Hoden entfernt. Ich bin froh, dass ich die ganzen Testosteronattacken nicht mehr erleben muss.

Sie fühlten sich in dieser Hinsicht vor der Operation also als ganzer Mann. Hatten Sie denn auch Bekanntschaften zu Frauen?

Ich hatte schon die eine oder andere Liebelei zu Frauen gehabt.

Jetzt sind sie aber in festen Männerhänden. Sie sind verlobt, nicht wahr?

Ja. Christopher und ich haben uns am 11. November in Bellinzona verlobt. Um 11.11 Uhr, um genau zu sein. Er ist vor mir auf die Knie gesunken, und hat mich gefragt, ob ich seine Frau werden wolle. Nachdem es mir einen Moment lang die Sprache verschlagen hatte, habe ich Ja gesagt. Ich habe ihn im Internet kennengelernt. Er kommt aus dem Saarland, ist 30 Jahre alt und von Beruf Betriebswirt. Sobald er in der Region eine Stelle gefunden hat, wird er zu mir nach Bellach ziehen.

Wann wird geheiratet?

Am 8. April. Am 08.04.08, Sie verstehen? Auf dem Standesamt in Solothurn.

Ist auch eine kirchliche Trauung geplant?

Selbstverständlich. Mein Verlobter ist römisch-katholisch.

Und wann geht es in die Kirche?

Am 6. Juli. Also am 06.07.08. Ich mag diese Zahlenspiele. Am liebsten in der St. Ursen Kathedrale. Weil dieser Tag auf einen Sonntag fällt, hat der dortige Pfarrer nicht gerade einen Freudensprung gemacht. Noch haben wir keine Zusage. Ich hoffe immer noch, dass er es macht. Sonst werden wir uns in Bellach trauen lassen. Und Sie werden es nicht glauben: Sex gibt es bei uns erst nach der Ehe. Ich bin da konservativ.

Dann sind Sie also ein gläubiger Mensch mit klaren moralischen Vorstellungen. Warum, denken Sie, hat Sie Gott mit dem falschen Geschlecht auf die Welt kommen lassen?

Ich betrachte es als persönliche Aufgabe, die ich zu erfüllen hatte. Die Operation hat mich zur Erleuchtung gebracht. Jetzt bin ich in meinem Körper zu Hause.

Frau Infanger, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Nicht der Rede wert, wir haben ja über fast nichts geredet.

Interview: Daniel Rohrbach

Erschienen im “Solothurner Tagblatt vom Montag, 10. Dezember 2007”

Zusätzlich erschienen:

Streit mit Juso und Jungen Grünen

Sandra-Lia Infanger wurde am 13. April 1980 als Adrian Infanger geboren. Aufsehen erregte Infanger, als sie im Februar 2005 auf der Liste der Jungsozialisten (Juso) als Frau zu den Kantonsratswahlen antreten wollte, dies ihr aber vom Oberamt Bucheggberg-Wasseramt verweigert wurde, weil sie offiziell noch als Mann galt. In der Folge blitzte sie auch vor Verwaltungs- und Bundesgericht ab. Nach ihrer Geschlechtsumwandlung gilt sie seit dem 1. Juni 2005 offiziell als Frau. Nachdem sich Infanger bereits im Streit von SP und Juso getrennt hatte, suchte sie im Sommer 2005 bei den Jungen Grünen eine neue politische Heimat. Doch auch dieses Gastspiel endete mit einem Eklat: Wegen «grundlegender Differenzen in der politischen Ausrichtung sowie grosser Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit», wie die Jungen Grünen Ende August 2005 in einer Mitteilung schrieben, wurde sie von der Mitgliederversammlung aus der Partei ausgeschlossen. Nach einem längeren Berlinaufenthalt ist die IV-Rentnerin Infanger diesen Herbst in den Kanton Solothurn zurückgekehrt und will nun eine eigene Partei gründen. dan

*Anmerkung der Redaktion: Ich bin erst 2006 nach Berlin gegangen, und habe mich an die geltenden Gesetze gehalten. *