© NZZ am Sonntag; 23.01.2005; Nummer 4; Seite 17
Hintergrund
Sandra Infanger, als Mann geboren, will Politikerin werden.
Sie trägt langes dunkles Haar, und eine rote Seidenbluse fällt über die zierlichen Brüste. Während des Gesprächs verschränkt sie ihre Beine mit anmutigem Schwung übereinander. Mit den schlanken Händen unterstreicht sie ihre Argumente oder lässt sie, wenn sie ihrem Gegenüber zuhört, gefaltet auf dem Schoss ruhen. Selbst wenn sich die bald 25-jährige Hausfrau und Philosophiestudentin in Rage spricht, wirken ihre Bewegungen natürlich und feminin – niemals affektiert oder gar inszeniert. Einzig die tiefe Stimme und der unter der Schminke schimmernde Bartschatten räumen letzte Zweifel aus dem Weg.
Vor dem Gesetz ist der Sachverhalt eindeutiger: Sandra Lia Infanger ist ein Mann. Adrian Thomas Infanger, geboren am 13. April 1980, Sohn des Josias und der Dorothea Infanger- Aschwanden, wohnhaft in Zuchwil bei Solothurn, Bürger von Saas (GR), steht in den Büchern des Kantons geschrieben. Und solange dies nicht ändert, entschied Anfang Jahr das Oberamt Bucheggberg-Wasseramt, muss Sandra Infanger von der Liste der Jungsozialisten für die Kantonsratswahlen Solothurns gestrichen werden. Das solothurnische Verwaltungsgericht stützte, auf eine Beschwerde der Betroffenen hin, das Oberamt: Bevor sich Frau Infanger als Politikerin wählen lassen darf, muss sie zuerst zu einer Frau werden, argumentierten die Richter laut der «Basler Zeitung».
Das wird voraussichtlich im Sommer der Fall sein. Dann wird Sandra Infanger im Zürcher Universitätsspital auch physisch zu dem hergerichtet, was sie psychisch schon lange ist. Der kleine, ungeliebte Unterschied zwischen den Beinen, für die Behörden das entscheidende Kriterium in Sachen Personenstand, kommt endlich weg und wird ersetzt durch eine Neovagina. Der Satz der Feministin Simone de Beauvoir – «Man wird nicht zur Frau geboren, sondern zur Frau gemacht» – glänzt ein halbes Jahrhundert später durch neue Bedeutung.
Schon als Kind wünschte sich Adrian Infanger eine Barbie-Puppe, die er von den Eltern allerdings nie bekam. Seit er denken kann, ist er eine Sie, und abends betete der Knabe zum lieben Gott, anderntags doch bitte als Mädchen erwachen zu dürfen. Wirklich geholfen haben erst Tabletten: 4 Milligramm Estrofen und 10 Milligramm Androcur, beides Hormone, die weibliche Attribute wachsen und männliche verkümmern lassen, schluckt Sandra Infanger seit anderthalb Jahren täglich. Da erging es dem berühmten griechischen Seher Teiresias einfacher: Ein Schlangenbiss machte ihn zur Frau und sieben Jahre später erneut zum Mann. Zeus und Hera konsultierten ihn deshalb als Schiedsrichter in der Streitfrage, ob der Mann oder die Frau in der Liebe grösseren Genuss fände, was Teiresias eindeutig zu beantworten wusste: Der weibliche Liebesgenuss ist neunmal so stark wie der männliche.
Solche Überlegungen spielten für Sandra Infanger nie eine Rolle. Transsexuelle leiden meistens ohnehin unter verminderter sexueller Empfindungsfähigkeit. Vielmehr sehnt sie sich die «körperliche Befreiung» herbei – und träumt von einer politischen Karriere. Von den «sturen und engstirnigen Behörden» ist sie enttäuscht und fast noch mehr von den Jungsozialisten, die sich dem Oberamt beugten und ihren Namen von der Liste strichen: «Welche Partei, wenn nicht die Linken, sollen denn einer Transsexuellen zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz verhelfen?»
Für eine, die sich sozusagen naturgemäss zwischen den Polen bewegt, ist es nicht weiter erstaunlich, dass sie sich auch zu Sachfragen weder links noch rechts ansiedeln lässt. Als Politikerin würde sie den öffentlichen Verkehr verbessern und die Verwaltungskosten senken, den Detailhandel liberalisieren und einen Maximallohn einführen. Die Geberhaltung des Staates stört sie massiv: «Es ist nicht sozial, Arme und Kranke zu beschenken. Sozial wäre, diese mit allen Mitteln gesellschaftlich zu integrieren.»
Sandra Infanger weiss, wovon sie spricht. Nicht mehr Mann und noch nicht ganz Frau, findet sie keine Stelle. In einer Gesellschaft, die auf den Säulen der Zweigeschlechtlichkeit aufgebaut wurde, sind transsexuelle Personen kranke Menschen und exotische Tiere, die man aus sicherer Distanz bestaunt. Zwar gibt es noch heute Urvölker, die Mannweiber und Weibmänner als Vermittler und Berater einsetzen, da sie als doppelt inspiriert gelten. Von solcherlei Wertschätzung sind die rund 500 Transsexuellen in der Schweiz weit entfernt: Ihre rechtliche Lage ist diffus, und Sandra Infanger geht demnächst vors Bundesgericht, um von den Richtern die Absolution zu erhalten. Schliesslich sei, wer seit bald 25 Jahren so denkt, fühlt und handelt, tatsächlich eine Frau.



















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TEN - News sagt:
Jan 23, 2005, 15:59, @665[...] Ich weiss es nicht. Vllt. liegts auch einfach daran [...]